In Frankreich wurde ein Vertrag unterschrieben, der für den Telekommunikationsmarkt in Europa ein wichtiges Signal geben könnte. Drei Mobilfunkanbieter wollen gemeinsam den vierten (und zweitgrößten und zweitältesten) Anbieter im Land kaufen und danach stilllegen und Kunden und Technik untereinander aufteilen.
Drei französische Telekommunikationsunternehmen haben eine Vereinbarung zur Übernahme des Konkurrenten SFR unterzeichnet, das berichtet die gewöhnlich gut informierte Wirtschaftszeitung "Handelsblatt". Dabei geht es um ein Volumen von etwa 20,4 Milliarden Euro. Das Objekt der Begierde ist die SFR (Société francaise du radiotéléphone), der zweitälteste Mobilfunkanbieter im Land, der lange Zeit eine Art "Filiale" des britischen Mobilfunkkonzerns Vodafone in Frankreich war.Drei Käufer für den vierten
Drei Anbieter (Free, Bouygues und Orange) wollen SFR kaufen - Logos: Anbieter, Bild mit KI erstellt
Konkret haben Orange (ehemalige France Télécom), Bouygues Telecom und die Iliad-Free-Gruppe eine Absichtserklärung mit der SFR-Muttergesellschaft, der Altice France unterschrieben. Altice gehört dem Milliardär Patrick Drahi. Der eigentliche Deal könnte in der zweiten Jahreshälfte 2027 abgeschlossen werden, sobald und sofern die erforderlichen Genehmigungen vorliegen. Das teilten die Unternehmen Orange, Bouygues und die Illiad Group mit.
Zunächst hatte Altice ein erstes Angebot des Konsortiums für den angeschlagenen Anbieter SFR abgelehnt. Besitzer Drahi braucht dringend Geld, denn sein Unternehmen ist hoch verschuldet. Er hatte sich auf Pump jahrelang neue Teile dazu gekauft und damit sein Unternehmen vergrößert. Im Vorschlag ist enthalten, dass die Mitarbeiter von Altice/SFR bei dem Merger aktiv mithelfen und bis 2029 ihren Arbeitsplatz garantiert bekommen.
Kaufen und zerlegen
Der Kern des Deals: Bouygues, Iliad ("Free") und Orange würden die Vermögenswerte und den Kundenstamm von SFR untereinander aufteilen und die Marke SFR vom Markt nehmen.
Orange (vormals France Télécom) ist weltweit aktiv.
Screenshot: Henning Gajek / teltarif.de Alleine Orange würde etwa 4 Millionen Mobilfunkkunden von SFR (plus 18 Prozent) und 1 Million Festnetz-Breitbandkunden (plus 8 Prozent) bekommen, das gesamte Prepaid-Geschäft von SFR sowie alle Kunden der Marken "Coriolis", "Syma" und "Réglo". Dazu kämen 47 MHz zusätzliches Spektrum (31 Prozent der bisherigen SFR-Frequenzen), womit Orange insgesamt 221 MHz bekäme.
Die Webseite von Free (Illiad Gruppe) - Screenshot: Henning Gajek / teltarif.de
Für Free gäbe es über 8 Millionen neue Kunden, einschließlich der kompletten Kundenbasis der RED-Tarif-Familie (6 Millionen) und einen Anteil von etwa 1,6 Millionen Privat- und 400.000 Geschäftskunden. Illiad hätte dadurch etwa 31 Millionen Abonnenten. Bei den Frequenzen kämmen für Illiad-Free zusätzliche 50 MHz auf verschiedenen Bändern dazu.
Betroffene SFR-Kunden können mitgehen oder selbst wechseln
Betroffene Kunden müssten sich dann entscheiden, ob sie den vorgeschlagenen Wechsel mitgehen oder lieber von einem anderen Anbieter in Zukunft versorgt werden möchten. Ihre SIM-Karten bekämen ein Update, um sich in ein anderes Netz einzubuchen oder würden komplett ausgetauscht. Nur die bereits vorhandene Rufnummer würde bleiben, sofern der Kunde nichts anderes bestimmt.
Was sagen die Wettbewerbsbehörden zu diesem Mega-Deal?
Die großen Telekommunikationskonzerne in Europa fordern seit Jahren eine Lockerung der Regeln, was große Fusionen oder Übernahmen betrifft. Durch die große Anzahl von Anbietern herrscht ein permanenter Preiskampf. Es bleibt kaum Geld übrig, um die anstehenden Investitionen in 5G (und bald 6G), Rechenzentren (u.a. für KI) und die notwendigen Glasfaserleitungen zu refinanzieren.
Christel Heydemann, Vorständin von Orange, findet, dass diese Vereinbarung "die Führungsposition von Orange in Frankreich und Europa stärken" könnte, auch bei Bouygues und Illiad-Free sieht man das wohl ähnlich.
Das Handelsblatt hat den Eindruck, dass sich die Wettbewerbsbehörden in Europa und Großbritannien in letzter Zeit "offener für Konsolidierungen gezeigt" hätten, nachdem sie jahrelang Märkte mit vier Anbietern bevorzugt hatten, um niedrige Verbraucherpreise zu gewährleisten.
Vorbild England: Aus vier wurden drei Anbieter
In England war kürzlich die Fusion von "Three" mit "Vodafone UK" durchgewunken worden, mit der Auflage, das stellenweise katastrophal schlechte Netz in England endlich massiv auszubauen. Inzwischen hat Vodafone UK den ex-Anteil von "Three" für 4,5 Milliarden herausgekauft und ist damit alleiniger Herrscher über das "neue" Unternehmen. Im Klartext: In Großbritannien gibt es jetzt nur noch drei Anbieter, nämlich EE (= Everything Everywhere, entstanden aus T-Mobile UK und Orange UK), was heute der British Telecom gehört, Virginmobile-o2 (Kooperation von Virgin und o2 UK) und die neue Vodafone UK (entstanden aus Three UK und der alten Vodafone UK).
Wird das in Frankreich genehmigt?
Noch ist nicht sicher, ob die französischen Behörden und die EU-Kommission mitspielen und falls ja, welche Bedingungen sie ins Pflichtenheft schreiben werden.
Wäre das ein Beispiel für Deutschland?
Bleibt die Frage, ob eine solche Megafusion auch in Deutschland möglich wäre? Um den französischen Deal zu verstehen, müssten wir uns in etwa vorstellen, dass die Deutsche Telekom, o2-Telefónica und 1&1 sich gemeinsam das Unternehmen Vodafone Deutschland kaufen, deren Netz stilllegen (bestimmte Basisstationen und andere Technik in ihre eigenen Netze überführen), die Kunden unter sich aufteilen oder ihnen die Wahl des künftigen Anbieters zu überlassen.
Andere Beobachter glauben, dass man es damit vergleichen könnte, dass Telekom, Vodafone und o2-Telefónica das Unternehmen 1&1 kaufen könnten. Letzteres ist aber sehr unwahrscheinlich, da 1&1-Firmengründer und -Chef Ralph Dommermuth überhaupt nicht daran denkt, aufzuhören oder zu verkaufen.
Egal welche Konstellation es wäre: Nach heutigem Stand würde das Bundeskartellamt nach langer intensiver Prüfung wohl "Nein" sagen. Wenn Brüssel aber das französische Modell akzeptiert, könnten sie einer deutschen Konsolidierung vielleicht auch ihren Segen geben, wenn auch unter Auflagen.
Welche Folgen haben diese Fusionen für die Kunden?
Eine Folge wird schnell spürbar: Der aktuelle Preiskampf käme schnell zum Stehen. Einige Angebote dürften wegfallen oder deutlich teurer werden. Aus Kundensicht wäre vielleicht noch tolerabel, wenn dadurch die Netz- und Service-Qualität deutlich besser würden: Soll heißen, lästige Funklöcher sofort gestopft würden und die Hotlines wieder besser erreichbar wären und mehr Möglichkeiten erhalten, dem Kunden wirklich helfen zu können und zu dürfen. Preisbewusste Kunden werden ihre Kartenzahl reduzieren und bei neuen Tarifen dreimal hinschauen.
Eine Fusion wird aber auch Einsparmaßnahmen mit sich bringen, d.h. es kann genauso gut passieren, dass nach einer Übergangsfrist Teile der bisherigen Mitarbeiter von der neuen Gesellschaft verabschiedet werden oder von sich aus die Flucht ergreifen und die Service-Qualität unterm Strich dadurch nicht besser wird, sondern weiter leidet.
Die Alternative sind vier oder noch mehr Anbieter, die jeder für sich auf keinen grünen Zweig kommen. Das kann zu weiterem Preisverfall führen. Der notwendige Netzausbau findet - wenn überhaupt noch - auf Sparflamme statt. Kunden bleiben weitgehend sich selbst überlassen, weil Hotlines nicht erreichbar oder nicht servicefähig sind.
Von Henning Gajek
