Warum die Schweizer Armee Microsoft den Stecker zieht

Die Schweizer Armee will einen Datenabluss in die USA verhindern.Die Schweizer Armee will einen Datenabluss in die USA verhindern.          ChatGPT @ blueNews

Die Cyber-Spezialisten der Armee verabschieden sich von Microsoft 365. Schneller als die gesamte übrige Bundesverwaltung. Hinter dem Entscheid steckt mehr als reiner Sparwille.

Bis im Oktober soll es passiert sein. Ab dann arbeitet das Kommando Cyber der Schweizer Armee nicht mehr mit Word, Outlook und Teams, sondern mit «Open Desk», einer quelloffenen Bürosoftware aus Deutschland. Was nach einer trockenen IT-Beschaffung klingt, ist in Wahrheit ein Signal mit Sprengkraft. Denn wenn ausgerechnet jene Einheit, die die Armee vor Cyberangriffen schützt, dem grössten Softwarekonzern der Welt nicht mehr traut, sollte das auch so einigen anderen zu denken geben.

Aufgedeckt hat die Geschichte das Online-Magazin «Republik», das den Umstieg publik machte und dessen Recherche inzwischen von Medien in ganz Europa aufgegriffen wurde. Die Bundeskanzlei hat den Fahrplan bestätigt.

Ein Brief bringt den Stein ins Rollen

Den Anstoss gab ausgerechnet der damalige Armeechef Thomas Süssli. In einem Brief, den die Republik im Oktober 2025 öffentlich machte, verlangte er von der Bundeskanzlei eine Alternative zu den Microsoft-Tools. Pikant daran war, dass ausgerechnet dieselbe Bundeskanzlei zwei Jahre zuvor einen millionenschweren Vertrag mit dem US-Konzern abgeschlossen hatte.

Das Grundproblem ist schnell erklärt. Der Bund arbeitet zwar seit Jahrzehnten mit Microsoft, doch bisher blieben die Daten in den eigenen Rechenzentren der Verwaltung. Nun zwingt Microsoft seine Kundschaft in die Cloud. E-Mails, Dokumente, Kalender und Videokonferenzen laufen künftig zwingend über die Server des Konzerns. Ein Dokument, das ein Beamter in Word anlegt, kann so theoretisch in die Hände des Unternehmens gelangen – und über den US-Cloud-Act letztlich in jene der amerikanischen Regierung.

Für eine Armee, deren Informationen zu grossen Teilen als «streng geheim» klassifiziert sind, ist das schlicht keine Option. «Microsoft 365 ist eine sehr gute Lösung», sagte Simon Müller, der Chef des Kommandos Cyber, gegenüber der Republik. Für eine Armee mit höchsten Ansprüchen an Vertraulichkeit sei sie aber ungeeignet. Am meisten Sorgen bereitet den Militärs eine mögliche «Call home»-Funktion, also die Gefahr, dass Daten unbemerkt an ausländische Sicherheitsbehörden abfliessen.

Thomas Süssli gab den Anstoss zum Wechsel Weg von Microsoft.Thomas Süssli gab den Anstoss zum Wechsel Weg von Microsoft.          Keystone

Die Angst vor dem «Kill Switch»

Dass diese Sorgen nicht paranoid sind, zeigt die jüngere Vergangenheit. Die US-Regierung liess nach Sanktionen die Microsoft-Konten von Richtern des Internationalen Strafgerichtshofs deaktivieren und beschränkte den Zugang zu bestimmten KI-Modellen. Wer will, kann per Knopfdruck ganze Organisationen digital lahmlegen. Das ist die unbequeme Lektion für Europa.

Entsprechend gross ist die Sorge vor dem sogenannten «Kill Switch», dem Aus-Schalter aus Übersee. Eine Armee muss in jeder Lage funktionsfähig bleiben, gerade in einer Krise. Genau dann aber wäre die Abhängigkeit von einem US-Konzern am gefährlichsten. Dazu kommt ein profanerer Grund: Microsoft und Amazon haben ihre Cloud-Lizenzen in den letzten Jahren massiv verteuert. Auch dieser Kostenfalle will die Armee entkommen.

Wie ernst es dem Militär ist, zeigte sich schon beim US-Datenkonzern Palantir. Dessen Analyse-Software beeindruckte die Gutachter des Armeestabs zwar in der Leistung. Weil der Code aber geheim und nicht einsehbar ist, konnten sie nicht prüfen, ob Hintertüren eingebaut sind. Die Empfehlung fiel deshalb deutlich zu Gunsten einer Open-Source-Lösung aus.

Was «Open Desk» kann – und was nicht

Die Alternative kommt nun aus Deutschland. Open Desk stammt vom Zentrum für Digitale Souveränität, das einst von der deutschen Regierung gefördert wurde. Das Paket umfasst Textverarbeitung, E-Mail, Kalender und Videokonferenzen. Also alles, was eine Verwaltung für die tägliche Zusammenarbeit braucht. Weil der Quellcode offen ist, kann jeder prüfen, was die Software im Hintergrund tut.

Perfekt ist die Lösung allerdings nicht. Die Stadt Zürich kam in einer eigenen Untersuchung zum Schluss, dass ein Umstieg für ihre Verwaltung derzeit nicht realistisch sei. Open Desk läuft bislang nur im Browser, eine Telefonielösung wie bei Teams fehlt, und die Migrationskosten sind kaum zu beziffern. Für die IT-Profis des Kommandos Cyber wiegen diese Mängel weniger schwer. Sie betreiben ihre kritischen Systeme ohnehin in eigenen Rechenzentren und können fehlende Komponenten selbst austauschen.

Die Schweiz ist nicht allein

Der Schritt der Armee reiht sich in einen europäischen Trend ein. Der Internationale Strafgerichtshof plant nach der Konto-Sperrung seiner Richter den Wechsel zu Open Desk, das österreichische Bundesheer setzt ebenfalls auf eine Microsoft-Alternative und Frankreich liebäugelt gleich mit einem kompletten Umstieg auf Linux. Die Digitalisierung wird zunehmend als geopolitische Waffe eingesetzt.

Ganz ohne Kritik kommt die Offensive freilich nicht davon. Im Umfeld des Bundes wird gemunkelt, dem Verteidigungsdepartement gehe es auch ums Sparen und darum, von vergangenen IT-Pannen abzulenken. Und tatsächlich bleibt ein Widerspruch. Während die Cyber-Truppe auf digitale Souveränität pocht, hängt die Schweiz beim wichtigsten Rüstungsprojekt, den F-35-Jets, weiter am Tropf der USA.

Für den Rest der Bundesverwaltung ist der Oktober trotzdem ein Datum zum Vormerken. Gelingt der Umstieg beim Kommando Cyber, fällt das wichtigste Argument der Skeptiker, dass es ohne Microsoft eben nicht gehe. Die spannendere Frage lautet dann nicht mehr, ob die Verwaltung nachzieht, sondern wann.

Martin Abgottspon

Posted on